Partnerschaft mit Kotobe Äthiopien

Glocke aus St.Johannis, Hannover-Bemerode, läutet jetzt in unserer Partnergemeinde Kotobe / Addis Abeba zum Gottesdienst

Bericht aus der ökumenischen Partnerschaftsarbeit zwischen den gemeinden im Amtsbereich Hannover Ost des Stadtkirchenverbandes und der äthiopischen Partnergemeinde in Kotobe/Addis Abeba

Brunnenprojekt am Yerer Mountain

Der Brunnen, zu dem der Kirchenkreis/Amtsbereich und mehrere Gemeinden  eine beträchtliche Anschubfinanzierung und weitere finanzielle Beiträge geleistet haben,  ist mit einer großen Eröffnungsfeier eingeweiht worden.

Beteiligt daran waren unter anderen sowohl der Generalsekretär der EECMY (Mekane Yesus Kirche) als auch ein  politische Vertreter aus der Region. Die Einweihungsfeier begann mit einem Festgottesdienst. Es folgten der gemeinsame Gang zum Brunnen und eine Einweihungszeremonie mit offiziellen Reden. Die Menschen am Yerer, die so lange sehnsüchtig auf dieses Ereignis gewartet haben,  sind sehr glücklich und dankbar. Denn gesundes Wasser ist die Grundlage für jede weitere Entwicklung in dieser abgelegenen Gegend.

Ein besonderer Dank gilt den Gemeinden unseres Amtsbereiches, die von Anfang an dieses Projekt mit großzügigen Spenden, innerer Anteilnahme und ihren Gebeten begleitet haben. Über die Einweihungsfeier wurde ein Video erstellt, das von den Gemeinden unseres Amtsbereiches ausgeliehen werden kann.

Eselprojekt

Durch eine großzügige Einzelspende hat seit kurzem die Verwirklichung eines weiteren Projektes mit unserer Partnergemeinde begonnen: Es sollen Esel gekauft werden, um Frauen davon zu entlasten, täglich schwere Lasten auf ihrem Rücken tragen zu müssen. Dazu ist eine Kommission in der Gemeinde Kotobe eingerichtet worden, die an von ihnen nach bestimmten Kriterien ausgewählten Frauen die Esel vergibt. Gedacht ist daran, mindestens 50 Frauen auf diese Weise zu unterstützen. Die Frauen leben in der Regel in abgelegener ländlicher Gegend und gehören zu kleinen Tochtergemeinden, die von unserer Partnergemeinde in Kotobe als „Muttergemeinde“  gegründet wurden.


Jubiläumsveranstaltung Zehn Jahre Ökumenische Partnerschaft mit Äthiopien

Zehn Jahre segensreiche ökumenische Partnerschaft zwischen unserer Partnergemeinde in Äthiopien und den Gemeinden im Amtsbereich Ost des Stadtkirchenverbandes Hannover soll am Sonntag, dem 25. November 2008, 15 – 21 Uhr,  im Anbau der Petrikirche Kleefeld gefeiert werden.

Zu diesem Anlass werden sowohl Erinnerungen an die Besuche in Äthiopien als auch die „Gegenbesuche“  unserer Partnergemeinde in Hannover  lebendig werden.

Die gemeinsamen ökumenischen Projekte sollen vorgestellt werden. Darunter vor allem das sehr erfolgreiche Kinderhilfsprojekt „DAS HELLE LICHT e.V.“ .

Teil des Jubiläumstages wird ein besonderer Abendgottesdienst sein. Nicht zuletzt werden afrikanische Leckerbissen angeboten werden und eine äthiopische Kaffeezeremonie.

Kirchenvorstände, Pastoren und Pastorinnen, kirchliche Mitarbeiter/innen und alle mit der Partnerschaftsarbeit verbundenen Gemeindeglieder sind herzlich eingeladen.

Zu unserem Partnerschaftsjubiläum erwarten wir als Ehrengast Pastor Soboka Tesso. Von Anfang an hat er unsere erfolgreiche Partnerschaftsarbeit mit initiiert und  gestaltet. Mehrere Male hat er Delegationsbesuche in Hannover geleitet. Er war uns bei unseren Besuchen in Äthiopien immer ein zuverlässiger, umsichtiger und liebevoller Begleiter.

Nächster Besuch einer Delegation aus Äthiopien

Um Pfingsten 2008 ist der Besuch einer Delegation aus unserer Partnergemeinde Kotobe bei uns in den gemeinden des Amtsbereiches Ost geplant. In diesem Zusammenhang wird der langjährige Ökumenebeauftragte Pastor Kurt Jürgen Schmidt sein Amt an seinen Nachfolger/ seine Nachfolgerin übergeben und in den Ruhestand verabschiedet werden.

Hannover, im Oktober 2007


 

Besuch der Partnerschaftsgemeinde in Kotobe/ Addis Abeba, Äthiopien

Vorstellung der Partnerschaftsarbeit mit der Mekane Yesus Gemeinde Kotobe 

Das Ökumenisches Partnerschaftskomitee Kotobe/ Äthiopien (ÖPKK)  besteht aus etwa fünfzehn Personen aus dem Amtsbereich Ost des Stadtkirchenverbandes Hannover, die engen Kontakt zur Partnergemeinde in Äthiopien halten. Die Partnergemeinde liegt in Kotobe, einem im Nordosten gelegenen Stadtteil von  Addis Abeba. Diese Gemeinde gehört zur Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus (EECMY).   Sie wurde vor etwa 15 Jahren gegründet.  Durch ihre Missionstätigkeit (outreach mission work)  hat sie ihrerseits im Laufe ihrer kurzen Existenz als selbstständige Gemeinde etwa  15 neue Gemeinden bzw. Predigtstätten in der näheren und weiteren Umgebung gegründet.  

 
Seit Bestehen der Partnerschaft hat es jährlich abwechselnde Delegationsbesuche in Äthiopien und Hannover gegeben. Die ausgesprochen lebendige und verläßliche Partnerschaft wird getragen von vielen Menschen hier und dort, die sich aktiv in die Partnerschaftsarbeit einbringen – nicht zuletzt durch gemeinsame Fürbitte.

In Verbindung mit der Partnerschaft wurde ein Brunnenprojekt in einer der Tochtergemeinden Kotobes (Yerer) verwirklicht und eine alte Kirchenglocke (gestiftet von der Kirchengemeinde St. Johannis, Bemerode) nach Addis Abeba transportiert und vor der Kirche der Partnergemeinde aufgestellt.

Außerdem wurde der Kinderhilfsverein  DAS HELLE LICHT e.V. gegründet, der zurzeit  etwa 50 Kinder durch Schulstipendien von monatlich jeweils 20 € unterstützt. Der jährliche Gesamtstipendienbetrag beträgt etwa 12.000,00 €.  Die Arbeit des Vereins wird durch Mitgliedsbeiträge, Einzelstipendien und Einzelspenden sowie durch Gottesdienstkollekten  mehrerer Gemeinden des Amtsbereichs wirksam unterstützt.

Der nächste Delegationsbesuch ist für November/Dezember 2006 in Äthiopien geplant. Bei dieser Begegnung soll es schwerpunktmäßig um den Aufbau von Kirchlicher Jugendarbeit gehen.

Der  Stadtkirchenverband hat seit dem 1.1.2001 die Trägerschaft der Partnerschaft zwischen dem Amtsbereich Ost (vorher Kirchenkreis Hannover-Ost) und der Kirchengemeinde Kotobe/ Äthiopien übernommen. (Vgl. Partnerschaftsvertrag vom 30.11.1997). Die Aufgaben und Geschäfte der Partnerschaft  werden durch das Ökumenische Partnerschaftskomitee Kotobe (ÖPKK) wahrgenommen. Mitglieder im ÖPKK sind Personen aus dem  Stadtkirchenverband Hannover, insbesondere dem Amtsbereich Ost, die an der Mitarbeit in dieser Partnerschaft interessiert sind.

Der/Die Ökumenebeauftragte  und der/die Superintendent/in des Amtsbereiches Ost führen den Vorsitz im ÖPKK. Sie vertreten die Partnerschaft gegenüber der Partnergemeinde, dem Stadtkirchenverband sowie der Petrikirchengemeinde, Hannover-Kleefeld.

Die treuhänderische Verwaltung der Finanzen der Ökumenischen Partnerschaft mit der Kirchengemeinde Kotobe geschieht durch die Petrikirchengemeinde, Kleefeld.

Finanztransaktionen für die Partnerschaft bedürfen der Unterschrift eines/einer der beiden Vorsitzenden des ÖPKK sowie eines/einer Zeichnungsberechtigten des Kirchenvorstandes der Petrikirchengemeinde, Hannover-Kleefeld. Das ÖPKK erstattet  dem Stadtkirchenvorstand einmal  jährlich Bericht über seine Arbeit.

Hannover, Juli 2006

    Kurt J. Schmidt


 

                      Report on the visit of the delegation of the Ecumenical Partnership
                               of the Eastern Region of the Church Crcuit of Hannover
                                  to the Kotobe Congregation, Addis Ababa, Ethiopia
                                               November 13  to December 1, 2006

 Members of the delegation:

Rev. Kurt J. Schmidt (teamleader)
Janka Fleshman
Alexander Franke

Sina Kahle
Cordula Paul
Gabriele Reibe
Johanna Stahlmann

             This was the fourth visit of a delegation of the Eastern Region of the Church Crcuit of Hannover to the E.E.C.M.Y. Congregation in Kotobe/ Addis Abeba. The first visit took place in November 1997 when the partnership was officially established and the partnership contracted was signed. The second visit was in January 2000. In December 1998,  in June 2000 in connection with the World Exhibition (EXPO), in June 2004 in connection with the Ecumenical Church Meeting (Ökumenischer Kirchentag) in Berlin and in June 2005 in connection with the German Evangelical Church Meeting (Deutscher Evangelischer Kirchentag)  delegations from Kotobe visited Hanover. The last visit to Kotobe was in February 2002. For me it was the third delegation visit besides of two private visits to Ethiopia which also included visits to our partnership congregation.

            The  main target of this visit was to implement an ecumenical  project for young adults from Germany and from Ethiopia. Part of this project was a one-week  trekking-tour to the Bale Mountains (a one-day drive south-east of Addis) and a street-children visiting program.  Furthermore learning about the current work of Kotobe congregation was an important goal as well as sharing one’s hopes and beliefs.

             Four more people joined the delegation group on a private basis: (1)  a former missionary of the Hermannsburg Mission, Rev. Uwe Reibe,  who wanted to visit again his former place of mission in Bedele, (2)  the vice chairperson of the childrens aid project  Bright Light (Das Helle Licht e.V.), Mrs. Claudia Siegert  (3) the husband of Mrs Siegert, Mr. Stefan Siegert and Miss  Wiebke Rhode, a young  examined medical nurse who already before in May 2005  had tried to visit the former mission hospital in Aira, however, decides not to go because of the tense political situation at that time.

             On the second day we were invited to meet the children and parents who are beneficiaries of the Bright Light support program. It was moving and heart-warming to meet many children and their parents who have been supported by the Childrens- aid program  for a  couple of years. To see how they grow and development is just wonderful!

            We came to Ethiopia with the idea to build up a Christian Scouts League or at least a Christian Scouts Group. We were surprised to receive a apecial scouts welcome already at Kotobe:  Lule – one of Pastor Sobokas daughters and her friend  showed us their little welcome- parade, which was very nice.  However, a totally different kind of scouts parade we could observe as special guests of a school-scout –group at Salem – a huge place with many social and educational programs. We learned that there already is and has been for a long time a Scouts Movement in Ethiopia.  Different from us the scout activities are usually connected with the school. And teachers guide the groups. We became aware how different the scout movement in Germany really is. 

             The activities of the German scouts and their selfunderstanding is always seen in regard to the “Hitlerjugend” during the Nazitime. Questions came up:  is the German scout movement  too lax? Are rules and regulations, discipline and order and  fellowship regarded as old-fashioned, pre-military and not at all attractive?  And how can these two very different ideas of what it means to be a scout  come together and challenging each other in a productive and creative way?  More questions than answers at the end!  However, we have a mutual understanding to keep up with the idea and discuss it in the respective scout groups in Ethiopia and in Germany.

            During the first week all delegation members and “associated” members (with the exception of Rev. Reibe)  stayed together. On the second day of our stay we visited  the Central Ethiopian Office. The leading members of the  Central Ethiopian Synod have always been  most important and reliable  partners for us. Therefore we very much appreciated the warm welcome we received from the General Secretary,  Kes Tsegaye Emana and the evangelism and mission director, Kes Akinada Gebremeden. 

             We also visited the Central Office of the E.E.C.M.Y. It was a great honour to be invited for lunch by the President of the church,  Kes Itaffa Gobena and the General Secretar , Dr. Kes Waksyum Edosa.  We were so happy also  to meet again our old friend Ato Girma Borushe – now he has become Finance Administrator of the church!  It was heartmoving to meet again with Ato Emiru,  the director of the pension fund of the church. He has been supporting our ecumenical partnership in all ways for so many years.  We also met with the director of the Peace Office, Ato Mamo Wegega and Ato Merga Negeri whom we invited to join our Human Rights Conference in Hannover in Februaray.

             During the first week we also visited the outreach praying center at Yerer Mountain – a most impressive and moving experience and a “must”  for all delegation groups from Germany.  We saw the drill hole of the water project which several congregations of the Eastern Region of the Church Circuit of Hannover had supported. The project will  be completed once there will be further financial support to do so. It was wonderful that Ato Abebe Yohannis, chairman of the elders in Kotobe, was able to take his time to join us. Thank you so much!

             The chairpersons of the Bright Light Committee/ Germany were invited to meet the members of the Bright Light Committee/ Ethiopia. We learned from the  board members  that everything is well functioning  and growing. Special thanks to Ato Asefow Djibena and the other chair persons. You really do a great job!

             On the first sunday of our stay we took part in a worship service at Kotobe Church.  I was asked to  actively take part in the Holy Communion. It was a most impressive worshipservice for us. We were excited how many young children came into front of the altered to receive a blessing from those who offered the Holy Communion. This was a wonderful experience as ist was supporting the community of believers including the young children.

            After worship service there was a get together and an auction in big tent where  textiles, knitwear and all kinds of handmade articles were put for auction for the benefit of the congregation. Here we met the new  Pastor of the German-speaking Congregation and his family as well as other Pastors and mission people. Just a short time before we left Ethiopia we were invited to visited the German School and Church. It was a great  visit and a  very informative program!

             In the evening we were invited by the couple that I met on their wedding day which was the very first day in Ethiopia!  The couple belongs to one of the riches families in the country.  Every year they are inviting numerous people for dinner. We could not stay too long as it was late already. However, it was most interesting to feel the difference between poor and rich in this country.

             On sunday morning the “tourist group” of our delegation had left for Gondar and Lalibela whereas the members of the “trekking group” prepared for a most exiting adventure: one week thru the Bale Mountains. These mountains are regarded as the cradle of the Oromo people. They are  located on an altitude between 3000 and 3.500 meters above sea level.  The ethnicity of the population is Oromo and predominantly Muslim. Farmers grow wheat, baley, maize, lnseed and faba beans, as well as the cereal teff – the staple food in many areas. In the forest area itself there arr scattered homesteads . For them, cattle, sheep and goats continue to provide the major basis of subsistence. Horses are the major means of transportation. Donkeys are widely used in the plains, but the chilly and moist highlands are only suitable for horses.

            The kind of organised trekking tour we did is part of a sustainable tourism project which was started by the GTZ . They have now handed over all tourism operations to local organisations which provide guides, packing and riding horses as well as  camps to stay overnite.  The landscape is breath-taking and the tour-  divided in day-trips of  5-6 hours – takes the breath of the hikers also!  The young people from Germany  felt somewaht comforted  when looking at their Ethiopian friends who felt as exhausted than the Germans!  Five young german  people, three young adults from Kotobe and  three young men from the street children project belonged to our trekking-group. . We had a lot of fun together, also  sincere and deep discussions on many interesting subjects - and we proved that it was possible to survive in the wilderness! To give an example: one day we bought a goat, slaughtered the animal, prepared and grilled and ate it. Another day we bought chicken and did the same to them.  For those of the young people who hardly saw a goat in their life and especially for those who were vegetarians it was real challenge!

             At Lake Langano  we celebrated the reunion with the members of the “tourist group”. However, it had become a smaller group as  two of them had already left for Germany.  We recreated at Lake Langano, visited Lake Abyata  and whatched the flamingo colonies with thousands of flamingos. The way to the shore of the lake was rather exciting, too, as each step made the ground you stepped on shake.  It was like walking on a frozen lake, because under a rather thin surface of sand and salt there is water.

            On our way back  we visited a stone-carved orthodox church from medieval time and finally arrived in Addis.  Back in Kotobe we attended the worship service on sunday and visited different preaching centers and congregations – for instance Sendafa.  The young people in our delegation were invited by Ato Gizachew and his staff members to see the street children and to learn something about this social project. This was most interesting and also an experience of distress.

            Some of us took the chance to visit the Theological Seminary at Mekanissa whereas others went out shopping. 

             During the last two days we had an evaluation together with our Ethiopian partners.  We all were very happy about this ecumenical partnership visit.  It was most interesting because it opened a perspective for partnership visits in the future:  a focus should be put onto the young generation and the visit should be a good mixture of spiritual experience and the chance to encounter fellow Christians in their social and religious context.  There should be space for discussing various subjects and to practically share with each other our thoughts and opinions, our life-experiences and the experience of God´s love.

            We are all very grateful for what we have experienced during our stay in this beautiful country. We are especially grateful for what Kes Soboka and his family, the church elders and the board members of the Bright Light Committee have shared with us: their time and their love!  We are grateful for the opportunity to meet and talk with leading persons in the E.E.C.M.Y. as well as with children and parents of our childrens aid project. We are grateful for all support we received from Ato Gezachew and his staff members. And last not least we praise God our creator thru his son our  Lord Jesus Christ  and the Holy Spirit who brought us together and  who is  comforting  and encouraging us every day.  

 May the almighty and merciful God  guide and protect all of us!

 Hannover,  March 2007

       Kurt J. Schmidt

 

 

Kurt Jürgen Schmidt

Seelsorge im kulturellen Kontext von Äthiopien

Einleitung

Im Jahre 2005 habe ich auf Einladung der Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus (E.E.C.M.Y.) in Dembi Dollo (Wollega) einen Seelsorge- und Supervisions-Workshop mit 8 ordinierten Pastoren der E.E.C.M.Y. durchgeführt. Dieser Workshop wäre nicht möglich gewesen ohne einen bedeutenden Zuschuß von Landesbischöfin Dr. Käßmann. für die Teilnehmenden des Workshops.
(Im afrikanischen Kontext wird immer noch erwartet, daß den Teilnehmenden einer solchen Veranstaltung alle Kosten erstattet werden. Eigenbeiträge sind allerdings auch kaum zu leisten). Besonders erwähnen möchte ich auch die aktive und ausdrückliche Unterstützung des Präsidenten der West Wollega Bethel Synod, Kes Tefari. Danken möchte ich außerdem meinem äthiopischen Freund Pastor Benti Ujulu.

1. Meine Motivation
Anfang der 70er Jahre war ich als junger Pastor begeistert von der so genannten Seelsorgebewegung. Dem Einzug der Humanwissenschaften in die kirchliche Arbeit und der Herausforderung durch die Begegnung mit der nicht kirchlich geprägten Welt. Seelsorge schien mir und vielen anderen jungen Kollegen und Kolleginnen damals als dynamischer und kreativer kirchenreformerischer Impuls. Wir dachten daran, die Kirche sozusagen von Innen von ihrem Wesen her zu reformieren. Die säkularen Humanwissenschaften wie Soziologie und Psychologie kamen uns gerade recht, um gegen verkrustete Strukturen und eingefahrene Denkweisen in der Kirche vorgehen zu können. Ich erinnere mich gut an die erste Fallarbeit, die ich damals erlebte: An einem Übungsbeispiele wurde deutlich gemacht, was Seelsorge als kommunikative Geschehen, als Begegnung mit dem anderen praktisch bedeutete. Und daß Seelsorge durch erfahrungsbezogenes und reflektierendes Lernen möglich war. In diesen ersten Lehrjahren, zum Teil in den U.S.A. , lernte ich, daß die eigene Person des Seelsorgers und der Seelsorgerin nicht au0er acht gelassen werden darf, daß es in der Seelsorge um personale Begegnung im Hier und Jetzt geht, daß eine hinreichende Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie erfolgt sein sollte, daß Introspektionsfähigkeit und Belastbarkeit nötig sind und die zu erwerbende Fähigkeit, analytisch zu denken und gleichzeitig auf die Gefühle und das Beziehungsgeschehen zu achten.
Mit einiger Begeisterung habe ich mich neben dem Gemeindedienst in die Seelsorgearbeit mit psychisch kranken Menschen gestürzt, Selbsthilfegruppen unterstützt, erste Patientengesprächsgruppen und Teamsupervision für Stationsmitarbeiter angeboten. Es war alles sehr aufregend und ich fühlte mich durchaus als Pionier und tatsächlich war ich Mitstreiter in der Entwicklung der sogenannten Sozialen Psychiatrie. Unterstützt durch die Entwicklung neuer Psychopharmaka konnte die alte Verwahrpsychiatrie allmählich abgelöst werden durch sozialtherapeutische Angebote, die zum Ziel hatten, die Würde des Menschen unter allen Umständen und seine Selbstbestimmung so weit und so lange wie möglich zu gewährleisten.

2. Mein Seelsorgekonzept
Ich habe gelernt, daß es in der Seelsorge geht darum geht, christliches Verhal-ten zur Lebensbewältigung freizusetzen (Klaus Winkler). Ziel der Seelsorge ist es, dem Ratsuchenden bisher verschlossene Lebensmöglichkeiten auf Zukunft hin zu eröffnen. Dabei unterscheidet sich das SeelsorgeGespräch vom alltäglichen Ge-spräch dadurch, daß in der Begegnung ein angstfreier Raum vorhanden ist, in dem eine vertrauensvolle, tragfähige Beziehung entstehen kann und von Seiten des Seelsorgers/ der Seelsorgerin eine der Botschaft des Evangeliums von der Liebe und bedingungslosen Zuwendung Gottes entsprechende seelsorgliche Grundhaltung vorhanden ist. Nämlich, daß menschliches Leben geschaffenes und bejahtes und begleitetes Da-sein durch Gott in Christus ist und der Seelsorge/ die Seelsorgerin etwas von dieser Glaubenseinstellung in seiner Seelsorgepraxis vermitteln kann.
Seelsorge sieht den Menschen als Ganzen. Er sieht ihn in seiner Angst und Not, nimmt aber auch das erlebte Glück und die Erfahrungen befreiten Lebens wahr. Der Seelsorger sieht sein Gegenüber in seiner Krankheit und in seinem Leid, aber auch in seiner Schönheit und Gottebenbildlichkeit. Der Seelsorger nimmt die individuelle, persönlichkeitsspezifische Seite ebenso wahr wie die sozialen und strukturellen Bezüge, in denen der Ratsuchende lebt. Er sieht die Andersartigkeit und womöglich Fremdheit des Gegenübers und hält sie aus. Er sieht die Ähnlichkeit und erliegt nicht der Versuchung, sie mit Eigenem zu vermischen. Verbindend kann eine Beweglichkeit im Umgang mit der eigenen und fremden Glaubens- und Lebensperspektive sein ohne das jeweils eigene zu verlieren. Dies ist die Voraussetzung zur Eröffnung neuer Lebensmöglichkeiten.
Seelsorge befaßt sich auch mit der Frage nach dem individuellen Glauben und unterstützt eine vertiefte und persönliche Glaubenshaltung, die Möglichkeiten der Lebensbewältigung freisetzt. Der Seelsorge ermutigt den Ratsuchenden darin, seine charaktertypischen Einstellungs- und Handlungsweisen zu entdecken und zu nutzen. Ebenso ermutigt er den Ratsuchenden darin, sein eigenes persönlichkeitsspezifisches Gottesbild zu erkennen und anzunehmen. In der seelsorglichen Begegnung können beide Seelsorger und Ratsuchender ihre persönlichkeitsspezifischen Glaubenserfahrungen und Bekenntnisse partnerschaftlich in Beziehung setzen und in eine der „Gemeinschaft der Gläubigen“ überführen. (Klaus Winkler). Der eine Glaube kann so in unterschiedlichen individuellen Formen kommuniziert werden ( 1. Kor. 12,4ff). Durch die Vermittlung und Erfahrung der gnädigen und bedingungslosen Zuwendung Gottes kann Trost erlebt und Kraft freigesetzt werden zur Bewältigung von Lebenskrisen.
Mit anderen Worten: in der seelsorglichen Begegnung ist der Zusammenhang herzustellen zwischen Glaubensfragen und der Herausforderung, sein Leben zu bewältigen.
Alle Hilfe in der Seelsorge ist als Hilfe zur Selbsthilfe zu verstehen. Lebenskonflikte werden vom Seelsorger/ der Seelsorgerin nicht aufgehoben und gelöst, sondern mit einer neuen Sicht konfrontiert. Selbsthilfe heißt nicht, alles alleine bewältigen zu müssen. Zum christlichen Glauben gehört die Glaubensgemeinschaft konstitutiv hinzu und auch für den Seelsorger/ die Seelsorgerin gilt, daß für die eigene seelische Gesundheit (und Arbeitsfähigkeit) der gegenseitige Trost und die gegenseitige Beratung unerläßlich ist („per mutuum colloquium et consolationem (soroumque“ ).

3. Gegenwärtige Perspektiven der Seelsorge
Später war ich fast zehn Jahre Dozent am EKD-Seelsorgeinstitut an der Kirchlichen Hochschule in Bethel. Und erlebte hier Mitte und Ende der 80er Jahre den allmählichen Bedeutungsverlust der Seelsorgebewegung und der kritischen Auseinandersetzung mit ihr. Jetzt ging es weniger darum, wie Verkündigung und Trost zum Beispiel in den Strukturen eines säkularen Krankenhauses geschieht, sondern mehr um die alte Frage, wie der Glaube und die Bibel in die seelsorgliche Begegnung einge-bracht werden können.
In den zurückliegenden Jahren war ich als Seelsorgeausbilder für Vikare und Vikarinnen tätig. Mit Erschrecken habe ich dabei beobachtet, wie wenig die Vikariatsleiter und –leiterinnen Seelsorge in ihren Gemeinden wahrnehmen. Es scheint möglich zu sein, pastorale Arbeit in einer Gemeinde zu machen ohne überhaupt ein Seelsorgege-spräch zu führen – allenfalls im Zusammenhang mit anfallenden Kasualien. Ich habe gelernt, daß Kirche offenbar steht und fällt mit dem Angebot von events und daß es mehr darum geht, daß Kirche sich in der öffentlichen Wahrnehmung gut verkauft. Eine Bewegung vom Inhalt zur Verpackung. Gleichzeitig hat die Seelsorge eine neue Bedeutung dazu gewonnen, insbesondere wenn es um Fragen der Ethik geht z.B. in der Stammzellenforschung oder hinsichtlich lebensverlängernder medizintechnischer Maßnahmen.

4. Was bedeutet der kulturelle Kontext für die Seelsorge?
Rückblickend auf 35 Jahre eigene Seelsorgetätigkeit hat mich zunehmend die Frage beschäftigt, ob das, was ich an Seelsorge gelernt habe nicht eine Engführung ist: nämlich die Beschäftigung vor allem mit der eigenen Person, der Familienforschung und der Herausbildung von Individualität. Sicherlich gut und wichtig. Auch daß Seelsorge dabei behilflich ist, den eigenen Weg aus Unsicherheit und Angst entdecken zu helfen, einen Menschen in der Krise zu begleiten, aus engen psychischen und sozialen Strukturen herauszuführen und den existentiellen und sozialen Spielraum zu erweitern.
Immer öfter habe ich mich jedoch gefragt, ob die Seelsorge unserer Tage nicht eher gesellschaftliche Verhältnisse widerspiegelt, als im Notfall auch ein wirkliches Gegenüber zu sein. Bei meinen Aufenthalten in Äthiopien habe ich wahrgenommen, daß der soziale Aspekt eine ganz herausragende Bedeutung im Leben des Einzelnen hat. Also nicht Persönlichkeitsentwicklung und individuelle Befreiung, sondern die Integration des Individuums in den vorgegeben sozialen Kontext des Elternhauses, der eigenen Familie, der Stammes- und Volkszugehörigkeit – und der Kirchengemeinde.
Ein ranker und leidender Mensch empfindet Schmerzen unabhängig vom jeweiligen kulturellen Kontext. Aber was ist wirklich hilfreich in einer Situation, in der Angst und Schmerzen und Leid erlebt werden? Das persönliche, vertrauensvolle Gespräch oder eher der Besuch einer Abordnung der Gemeinde? Die dialogische Struktur der Begegnung oder eher das affirmative Geschehen eines gemeinschaftlichen Besuches, das den einzelnen in die Gemeinschaft integriert auch in Zeiten von Krankheit und Elend. Welche Rolle spielt der sozial-integrative Faktor und welche Rolle spielt es, einem Kranken offen und zugewandt zu sein und darauf zu achten, daß eine vertrauens-volle und angstfreie Beziehung entstehen kann, in der sich Befreiung ereignen kann? Und was bedeutet es, wenn wir es vermeiden, einem ratsuchenden Menschen im Namen Gottes ein Gegenüber zu sein, indem wir konfrontieren und Rat geben wo wir danach gefragt werden. Was bedeutet es andererseits, wenn wir in unserer Seelsorgepraxis Anpassungsleistungen erbringen und Anpassungsleistungen fordern, um so die bestehenden gesellschaftlichen Normen zu stabilisieren?
Ich habe gelernt, daß gute Ratschläge in der Seelsorge verhindern, daß der ratsuchende in die Lage kommt, seine eigenen Ressourcen zur Lebensbewältigung zu entdecken und selbstverantwortlich zu nutzen. Im kulturellen Kontext Äthiopiens habe ich gelernt, daß seelsorglicher Rat – im Sinne der lebensweisheitlichen Haltung des Predigers Salomonis - ebenfalls befreiend sein kann.
Seelsorge im Spannungsfeld des kulturellen Kontextes, Seelsorge zwischen den Polen Individualität und Sozialität, Anpassung und Veränderung, persönlichkeits-spezifischer Glaubenseinstellung und gemeinschaftlicher Gotteserfahrung. Diese Fragen haben mich seit langem beschäftigt. In unserem workshop in Dembi Dollo war nu n endlich die Gelegenheit da, meine Arbeitshypothesen an den wirklichen Erfahrungen zu überprüfen.

5. Der Workshop
Noch am Vorabend des workshops ist nicht klar, ob überhaupt jemand teilnehmen wird. Am ersten Seminartag stehe ich früh auf, um den anbrechenden Tag bewußt zu erleben. Ich höre das Singen und Rufen der Vögel, sehe die Affen in den Bäumen herumturnen und höre wie sie mit lautem Poltern auf das Dach des Guesthouses springen. Ich sehe die ersten Schulkinder auf dem Weg in die Schule. Sehe Kühe und Pfer-de, Esel, Schafe und Ziegen und Hühner. Sehe den Rauch aus dem Küchengebäude steigen und das Kaffeewasser auf der offenen Feuerstelle. Um 8 Uhr kann ich die ersten Teilnehmer begrüßen. Einer aus Aira, ein anderer aus Bodji. Um 11 Uhr werden wir anfangen. Ich erfahre, daß 6 weitere Teilnehmer angekündigt sind, darunter einer aus Ghimbi. Alle Teilnehmer sind ordinierte Pastoren aus vier verschiedenen Synoden.

5.1 Der Beginn: Vorstellung mit dem Namen
Wir beginnen mit einem kurzen Gebet und einer viel zu langen Einführung von meiner Seite. Ich bin aufgeregt und unsicher, deshalb wird es so lang. Dann wage ich meine erste Leitungsanweisung: „Please, say you name and what your name means. Who gave the name to you and was it a specific situation in which your name was given to you? “ Und dann bitte ich die Seminarteilnehmer, in kleinen szenischen Darstellungen zu zeigen, wie sie zu ihrem Namen gekommen sind, statt nur davon zu erzählen. Und zu meinem Erstaunen gibt es überhaupt keine Hemmung, auf spielerische und an-schauliche Weise darzustellen, was sie mit ihrem Namen verbinden. Drei Beispiele möchte ich hier nennen:
Alemayu (Freude)
Mehrere Jahre nach der Geburt einer Tochter wird ein Sohn geboren. Der Vater gibt ihm den Namen Alemayu/ Freude. Der TN berichtet, daß der kleine Sohn zunächst nur eine Kosenamen (Süßer, Kleiner) bekommen. Erst nach ein bis zwei jahren bekommt e seinen richtigen Namen. Und den bekommt er vom Vater.
Der TN zeigt dies in einer Rollenspielszene:
Kaffeezeremonie. Die 6jährige Tochter hilft mit beim Bedienen. Schließlich überreicht die Mutter dem Vater den neugeborenen Sohn. Nachdem alle fertig sind mit der Kaffeezeremonie steht der Vater auf, seinen Sohn im Arm, erhebt seine Stimme und verkündet den Namen, den er seinem Sohn gibt: Alemayu.
Idosa (Ersatz)
Der TN berichtet daß der ihm vorangegangene jüngere Bruder – das vierte Kind der Eltern - als Baby gestorben war. In diesem Fall scheint ausnahmsweise die Mutter die Namensgeberin zu sein: Idosa/ Ersatz.
In einer an die kurze Spielszene anschließenden Feedbackrunde erklärt sich der TN hochzufrieden mit seinem Namen: Es ist doch wunderbar ein Ersatz (replacement) für ein verstorbenen Menschen zu sein, insbesondere wenn es der eigene Bruder ist! Ich selbst denke an seelsorgliche Begegnungen mit Menschen, die sich in einem ähnlichen Fall ihr Leben lang nicht von dem der eigenen Geburt anhaftenden Geruch des Todes befreien konnten oder unter der Vorstellung litten, ein Ersatz zu sein und ei-gentlich keine eigene Individualität und Persönlichkeit entwickeln zu können.
Tagente (Verloren und wiedergefunden)
Der TN berichtet, daß seine leibliche Mutter die zweite Frau seines Vaters war. Während ihrer Schwangerschaft nimmt sich der Vater eine dritte, jüngere Frau ins Haus. Die schwangere, zweite Frau – die Mutter des TN – ist so gekränkt, daß sie ihren Mann verläßt und in das Haus ihrer Eltern zurückkehrt. Nach 2 Jahren schickt der Vater „elders“ in das Haus der Schwiegereltern seiner zweiten Frau, die überredet werden soll, in das Haus ihres Mannes zurückzukehren.
An dieser Stelle wird das weitere Geschehen im Rollenspiel dargestellt:
Die Frau weist das Angebot zurück. Sie denkt: Mit meinem kleinen Kind kann ich aber keinen anderen Mann bekommen; vielleicht ist es das Beste für mich und für mein Kind, wenn es zu seinem Vater zurückgeht.
So geschieht es. Das Kind wächst jedoch nicht im Haus des Vaters, sondern im haus der Eltern des Vaters auf.
Zur Namensgebung läßt der Vater den Sohn jedoch in sein Haus holen und – wiederum im Rahmen einer Kaffeezeremonie – bekommt das Kind den Namen: Tagente/ Ver-loren und Wiedergefunden.
Im anschließenden Feedback zeigt sich, daß der Teilnehmer glücklich ist über seinen Namen - insbesondere auch deshalb, weil es den biblischen Bezug zur Geschichte vom verlorenen Schaf und verlorenen Groschen gibt.
Ich denke daran, wie mächtig die Position des Vaters im Familiensystem und im ge-sellschaftlichen Kontext sein muß, daß eine Mutter „freiwillig“ ihr Kind dem Vater überläßt. Ich erfahre, daß Frau und Kinder als Eigentum des Mannes begriffen werden. Tagente/ Verloren und Wiedergefunden weist vielleicht nicht nur und womöglich nicht zuerst auf ein beziehungsdynamisches Geschehen hin, sondern unter dem Gesichtspunkt der Besitzstandswahrung zu sehen ist.

5.2 Seelsorge in Bildern (Metaphern)
Ich bitte die Teilnehmenden, ihr persönliches Seelsorgeverständnis nicht mit Wortenb zu beschreiben, sondern in einem Bild zu zeigen. Einige Bilder möchte ich nennen:
a. Seelsorge ist wie eine Brücke über dem Abgrund
Der Teilnehmer stellt mit Hilfe von Gegenständen eine Brücke über dem Abgrund dar. Er bittet einen anderen Teilnehmer die Rolle des Hilfesuchenden zu übernehmen. Durch kurzen Rollentausch zeigt er dem Mitspieler, die dazu ge-hörende hilfesuchende Geste. Der Seelsorge sieht den Hilfesuchende und kommt ihm entgegen. Gemeinsam überqueren sie den Abgrund. (Seelsorge kommt ans andere Ufer und hilft den Abgrund zu überschreiten).
b. Seelsorge ist wie ein zuversichtlicher Blick in die Zukunft
Der Seelsorge geht mit dem Ratsuchenden über ein großes Hindernis. Nach der gemeinsamen Überwindung des Hindernisses steht der Seelsorgesuchende aufrecht und blickt nach vorn. (Seelsorge kann helfen, Hindernisse des Le-bens zu überwinden, einen aufrechten Stand einzunehmen und wieder einen zuversichtlicher Blick in die Zukunft zu richten).
c. Seelsorge ist wie Fußwaschung
Der Seelsorger wäscht einem anderen symbolisch die Füße.
d. Seelsorge ist wie ein Nachtwache
Der Seelsorger wacht - gemeinsam mit anderen - die Nacht hindurch am Bett eines Kranken.
e. Seelsorge ist wie eine Heilungsgeschichte
Indem der Seelsorger die biblische Botschaft von erfahrener Heilung und neu gewonnener Freiheit verkündigt, tröstet er einen verzweifelten und heilt einen zerbrochenen Menschen.

5.3 Fallbeispiele
1. Gemeinsamer Krankenbesuch
2. Um meiner Tochter willen komme ich zurück
3. Erzähl deinem Mann nichts davon
4. Wenn Gott das zuläßt, kann ich nicht mehr glauben.

1. Fallbeispiel: Gemeinsamer Krankenbesuch
Nach dem Gottesdienst ist es üblich, daß Gemeindeglieder dem Pastor ihre persönlichen Anliegen nennen. Dies kann der Wunsch nach einer persönlichen Beichte, die dann oft an Ort und Stelle in einer der Kirchenbänke abgenommen wird. Manchmal ist es der Wunsch nach einem Hausbesuch. Oft geben Gemeindeglieder dem Pastor Hinweisen darüber, wenn jemand krank ist und den Besuch des Pastors wünscht. In diesem Fall hört Pastor A. nach dem Gottesdienst von einem Gemeindeglied, Herrn M., daß seine Frau krank zu Hause liegt und ein Besuch des Pastors sehr wünschenswert wäre. Der Mann ist Kirchenvorsteher, seine Frau aktives Chormitglied. Der Pastor erfährt, daß die Frau M. bereits viele Ärzte konsultiert hat und auch schon im Krankenhaus gewesen sei, ohne, daß sich ihr schweres Rückenleiden gebessert hat.
An dieser Stelle bitte ich den Falleinbringer, Pastor A. das Fallbeispiel spielerisch „auf der Bühne“ darzustellen. Dies geschieht ohne Zögern. Der Protagonist, Pastor A., sammelt die Kirchenvorsteher um sich, die nach dem Gottesdienst noch mit anderen in Grüppchen zusammenstehen. Es sind in der Originalsituation acht Kirchenvorste-her, die den Krankenbesuch zusammen mit ihrem Gemeindepastor machen. Für die psychodramatische Szene wählt der Protagonist drei Kirchenvorsteher aus, die ihn begleiten. Außerdem Kirchenvorsteher M., seine kranke Frau und zwei ihrer Kinder im Alter von drei und vier Jahren. Der Mitspieler, der die Rolle der Patientin übernommen hat, bindet sich ein Kopftuch um den Kopf, um besser in die Rolle hineinzukommen. Die Kinder spielen auf dem Boden der Hütte mit Spielsachen. Sie sagen nichts, beobachten jedoch alles, was geschieht mit wachen Augen.
Die Besuchsgruppe wird bereits im Haus des Kirchenvorstehers M. erwartet, der vo-rangegangen war. Die Kranke liegt auf ihrem Krankenlager. Sie wirkt sehr schwach. Zuerst begrüßt Pastor A. und dann alle Kirchenvorsteher die Kranke auf die traditionelle äthiopische Weise. Nachdem dies geschehen ist, liest Pastor A. im Stehen aus dem Johannesevangelium, Kapitel 5 die Geschichte von der Krankenheilung am Teich Bethesda. Es folgt – ebenfalls im Stehen - eine kurze Auslegung der biblischen Geschich-te durch Pastor A.
Danach geht Pastor A. zur Kranke. Er fragt sie nach ihrem Befinden. Die Kranke selbst sagt kaum etwas. Dafür beantwortet der dabei sitzende Mann die Fragen des Pastors. Schließlich legt Pastor A. die rechte Hand auf die Stirn der Kranken und die linke Hand, mit der er die Bibel hält, auf die über dem Körper gefalteten Hände der Kranken. Er schaut in die Runde der Anwesenden und bittet einen der Kirchenvorsteher, ein Gebet zu sprechen. Dies geschieht auf typische äthiopische Weise als frei formuliertes, ausführliches Gebet. Das Gebet hat einen allgemein gehaltenen Beginn, indem Gott für seine Schöpfung und für alle Wohltaten gedankt wird. Es folgt der konkrete Bezug auf die Situation der kranken Frau mit der Bitte, sie zu stärken an Leib und Seele und in ihrem Glauben und sie bald wieder gesund werden zu lassen. Das Gebet wird mehrfach durch Schnalzlaute der Anwesenden unterbrochen. Diese Schnalzlaute, verstärkt durch das immer wieder kehrende Wort Amen sowie durch kurze Lobpreisungen Got-tes, sind typischer Ausdruck der innerlich empfundenen Zustimmung zu dem Gesag-ten. Das Gebet endet mit dem gemeinsam gesprochenen Vaterunser. Dazu hat sich Pastor A. wieder aufgerichtet. Der Besuch endet mit einem kurzen Segenswort und dem traditionellen Abschied.
Ende der psychodramatischen Szene. In dieser Szene wurde kein Rollentausch vorgenommen, da der Protagonist zu erkennen gab, daß der Ablauf so war, daß alles ge-schehen weitgehend der originalen Situation entsprach.
Es folgte das Rollenfeedback der Mitspieler und ein gemeinsames theologisches Auswertungsgespräch. Dabei zeigte sich Folgendes:
Die Vorteile eines solchen „traditionellen“, ritualisierten Krankenbesuches für den Pas-tor sind u.a.:
a. er ist gefragt (in seiner Rolle),
b. er ist nicht allein (Kirchenvorsteher begleiten und unterstützen ihn),
c. er tut, was er gelernt hat, nämlich „das Evangelium zu verkündigen“ („to preach the gospel“)
Die Berührung der kranken Frau in der Segenshandlung geschieht mit zweifacher „Absicherung“ : die Segensgeste wird unterstützt durch die in der Hand gehaltene Bibel und das Krankengebet wird von einem anderen gesprochen.
Der Besuch endet mit dem Vaterunser als Gebet der Gemeinde.
Als „Vorteile“ der Kranken wurden genannt:
a. sie wird gesehen in ihrer Situation und nicht allein gelassen
b. sie bleibt „demonstrativ“ Mitglied der ganzen Gemeinde
c. sie weiß was in diesem Besuch auf sie zukommt, sie kennt die traditionelle Form: persönlich zugewandt mit zeichenhaften Gesten der Nähe
d. sie muß keine aktive Rolle spielen (keine Aufforderung, persönlich etwas über sich und die augenblickliche Lebenssituation zu sagen ), sondern wird pastoral „bedient“.
Im Auswertungsgespräch wurden folgende Nachteile für die pastorale Rolle genannt:
a. der Pastor erfährt wenig darüber, wie es der Kranken wirklich geht
b. es geschieht keine Seelsorge als Gespräch und persönlicher Zuspruch
c. der Pastor ist eingebunden in ein gemeinschaftliches Geschehen, in dem ein persönliches seelsorgliches Gespräch nicht möglich ist.
Als „Nachteile“ für die Kranke wurden genannt:
Die kranke Frau wird vor allem als krank gewordenes Gemeindeglied (communicant member) gesehen – und weniger als individuelle Person mit ihrem aktuellen Erleben und ihrer persönlichen Geschichte und Erfahrung.
In der Gruppe wurde darauf hingewiesen, daß es sich um einen Erstbesuch handelte. In der Regel folgen nach einem solchen Erstbesuch weitere Besuche von Kirchenvorstehern und anderen Gemeindegliedern, die jeweils den Pastor über ihre Besuche unterrichten. Je nach zeitlicher Möglichkeit gibt es auch weitere Besuche durch den Pastor (follow up visits). Solche Gespräche können dann auch Gespräche unter vier Augen sein, die eine gewisse Offenheit und Intimität des Gespräches ermöglichen.

2. Fallbeispiel:
Pastor T. hört nach dem Gottesdienst davon, daß eine Frau ihren Mann verlassen hat und zu ihren Eltern zurück gegangen ist. Sie hat dabei eine acht- und eine zehnjährige Tochter bei ihrem Mann zurücklassen müssen. ( Nach traditionellem Verständnis sind Kinder Eigentum des Mannes ). Die achtjährige Tochter Keena reagiert mit starken Verlustängsten. Sie hatte gehofft, ihre Mutter zumindest auf dem Wochenmarkt anzutreffen. Erfolglos. Es kommt zu alarmierenden Reaktionen bei Keena.
An dieser Stelle bitte ich Pastor T. , das, was er erzählen will, auf die psychodramatische Bühne zu bringen. Einer der Anwesenden wird in die Rolle des Mädchens gewählt. Keena. Außerdem wird die Rolle der anderen Schwester und die des Vaters besetzt. Keena macht einen zunehmend verwirrten Eindruck. Sie schreit und schlägt ihre Schwester, sogar ihren Vater. Der bindet sie schließlich auf ihrem Bett fest. Doch Keena schreit unaufhörlich und zerrt an ihren Fesseln.
Szenenwechsel: Nach dem Gottesdienst bittet der Vater Pastor T., in sein Haus zu kommen und für sein krankes Kind zu beten. Als Pastor T. nach einer Weile das Haus von Ato M. betritt, trifft es ihn wie ein Schlag: eine große Menschenmenge ist im Haus versammelt. Darunter auch einige Kirchenvorsteher und Mitglieder des Kirchenchores. Mit lauten Gebetsrufen, Bibelsprüchen und Kirchenliedern ist die Versammlung be-müht, den „evil spirit“ aus dem Körper des Mädchens zu vertreiben. ( Die übrigen Gruppenmitglieder gehen in die Rollen der im Haus versammelten Menschen).
Pastor T. entschließt sich spontan zu Folgendem:
Erstens, nicht zu beten, wie dies von ihm erbeten wurde. Zweitens, alle Menschen aus dem Raum zu entfernen, in dem das Mädchen gefesselt auf seinem Bett liegt. Und drit-tens nach der Mutter des Mädchens zu schicken, daß sie „um ihrer Tochter willen“ in das Haus ihres Mannes zurückkommt.
(Die Rolle der Mutter wird besetzt und vom Protagonisten eingedoppelt). Als die Mutter gekommen ist fragt Pastor T. sie: „Liebst du deine Tochter?“ Die Mutter antwortet mit Ja. Darauf zur kranken Tochter gewandt: „Liebst du deine Mutter?“ Dieselbe Antwort. Pastor T. läßt den Vater ins Zimmer holen. Die immer noch im Haus und außer-halb des Hauses versammelten Menschen schauen gebannt auf das Geschehen.
Sobal Keena ihren Vater sieht, „ wird sie wild“. Pastor T. fragt den Vater, der in der Tür stehen geblieben ist, ob er seine Frau noch liebe. Er antwortet mit Ja. Jetzt wendet sich Pastor T. der Mutter zu: „ Wenn du willst, daß deine Tochter gesund wird, sage bitte deinem Mann, daß du ihn liebst!“. Die Mutter zögert. Blickt zu Boden. Sagt schließlich leise: „Ja, ich liebe ihn.“ Darauf fragt Pastor T. die andere Tochter, die von ihrer kranken Schwester angeschrien und geschlagen worden war, ob sie ihre Schwester liebe. Als auch sie dies bestätigt, fordert Pastor T. Herrn und Frau M. auf, sich zu um-armen. Sie tun dies. Pastor T. bittet die kranke Tochter, genau hinzuschauen, wie ihre Eltern sich umarmen. Er fragt sie, ob sie ihre Eltern liebe. Nach langem Zögern, sagt sie schließlich mit fester Stimme: „Ja!“.
Pastor P. läßt die Tochter losbinden. Er stellt sie auf die Füße. Dann bittet er Vater und Mutter sich zu setzen und die beiden Kinder zwischen sich zu nehmen. Er fordert sie auf, einander zu umarmen.
Der Vater läßt Kaffee holen. („buna duga“ – Kaffee trinken ist in Äthiopien zu bestimm-ten Anlässen nicht einfach Kaffeetrinken, sondern ein „heiliger Ritus“. Er spielt bei allen großen Passageriten wie Geburt, Adoleszenz, Heirat, Trauerfeier eine wichtige symbolische Rolle. Es ist die Beschwörung des Geistes von waaqqayoo , des in der Religion des Mehrheitsvolkes der Oromo einzigartigen Schöpfergottes. In Gegenwart dieses Gottes werden Familien- und öffentliche Fehden beendet, Lebensbünde und Bünd-nisse geschlossen. In dem erzählten Fallbeispiel trinken die Familienmitglieder den Kaffee aus einer gemeinsamen Tasse.
Pastor T. beschließt das Heilungs- und Versöhnungswerk mit einem Gebet. Die Men-schenmenge hat alles mit Ergriffenheit und Staunen beobachtet. Pastor T. entläßt die Menschen und verabschiedet sich von der wieder vereinten Familie.
Nachdem der Protagonist die Mitspielenden aus den Rollen entlassen hat, folgt ein ausführliches Rollenfeedback. In der theologischen Auswertungsrunde bedanke ich mich zu aller erst bei Pastor T. und sage ihm wie sehr auch mich das Spiel beein-druckt hat. Ich frage nach den Eindrücken der Kollegen von Pastor T. Alle sagen, daß dies eine ganz hervorragende pastorale Arbeit gewesen sei: die Tochter geheilt und die Familie versöhnt. Praise the Lord!
Auswertungsrunde
Alle sind sich darin einig, dass Pastor T. die Situation zu Beginn richtig einschätzt, nämlich, daß es hier nicht darum gehen kann, exorzistisch tätig zu werden. Auf dem Hintergrund der äthiopischen kulturellen Situation eine nicht selbstverständliche Er-kenntnis! „Evil spirits“ sind auch im Kontext der Mekane Yesus Kirche eine alltägliche Realität und Herausforderung. Das Austreiben böser Geister durch Gebet und Hand-auflegung gehören zum pastoralen Alltag eines Gemeindepastors. Pastor T. begreift offenbar schnell, daß es sich hier um ein Beziehungsproblem in der Familie handelt. Deshalb löst er die exorzistische Situation kurzerhand auf, indem er die Umstehenden aus dem Raum schickt. Er kann dies ohne weiteres kraft seines Amtes als Pastor tun. Pastor T. versteht oder ahnt zumindest, daß die starke emotionale, „irre“ Handlungs-weise der Tochter etwas zu tun haben muß, mit der Angst, die Mutter zu verlieren und dem Vater ausgeliefert zu sein. Pastor T. möchte deshalb den Streit (quarrels) zwi-schen den Eltern beenden, weil der die Tochter krank macht.
In unserer Auswertung waren wir uns bis zu diesem Punkt vollkommen einig. Im Fol-genden wurde allerdings deutlich, daß meine Analyse der Siatuation sich völlig von der meiner äthiopischen Kollegen unterschied: Aus meiner Sicht beginnt Pastor T. ein „strategisches Versöhnungswerk“ unter den Augen der Zuschauer(!) , indem er sozu-sagen im Dreieck vorgeht. Dies schließt die suggestive und aus meiner Sicht manipu-lative Aufforderung ein, daß Mutter und Tochter etwas sagen, was sie nicht wirklich meinen – also lügen. Die Mutter wird aufgefordert, „um der Tochter willen“ von sich selbst abzusehen. Pastor T. nötigt die Mutter des Kindes zu einer demonstrativen, „heiligen“ Symbolhandlung der Versöhnung und nimmt eine Symptomverschiebung in kauf: statt der Tochter droht jetzt die Mutter krank zu werden. Pastor T. besiegelt die Versöhnung mit der kulturell bedeutungsvollen Kaffeezeremonie, die praktisch einer Schwurhandlung gleichkommt.
Die Rolle von Pastor T. ist sozial anerkannt. Er kann deshalb „vollmächtig“ handeln. Im sozialen und kulturellen Rollenverständnis steht er als Pastor (lubba) über dem patriarchal dominanten System bzw. an der Spitze dieses Systems. Deshalb kann er „Unterwerfungshandlungen“ einfordern.
Die Frau hat nur die Möglichkeit, entweder ihre Mutterrolle gänzlich preiszugeben in-dem sie zu ihren Eltern zurückgeht und so selbst wieder zur Tochter wird oder sich dem patriarchalen System, also dem Ehemann zu unterwerfen. So oder so hat sie keine Möglichkeit, als freies Subjekt zu handeln.
Diese meine Sichtweise war kulturell nicht nachvollziehbar. Das Versöhnungs- und darin eingeschlossene Heilungsgeschehen war für alle derart augenfällig und überzeugend, daß sie für eine kritische Sicht von außen nur schwer zugänglich waren.
Die Außensicht wurde in unserem Auswertungsgespräch dadurch möglich, daß meine äthiopischen Kollegen die Frage stellten, was denn ein Pastor in Europa in einer sol-chen Situation getan hätte.
Bei meinem Versuch zu antworten, habe ich selbst gemerkt, wie schwer es ist die jeweils unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kontexte aufeinander zu beziehen. Nach mehr als hundertjährigem Kampf in Europa um die Gleichberechtigung der Frau haben Frauen erreicht, daß sie gleichberechtigte freie Subjekte in unserer Gesellschaft sind. Erkämpft wurde auch, daß das Kindeswohl Vorrang vor Elternansprüchen hat und das Sorgerecht in der Regel der Mutter zugesprochen wird. „Welche Rolle hätte der Pastor in Europa gespielt“? Wahrscheinlich gar keine. Er wäre vermutlich nicht einmal gefragt worden, in dieser Situation tätig zu werden.
Und wenn er gefragt worden wäre, hätte seine Aufgabe wahrscheinlich darin bestan-den, das betroffene Kind zu schützen und die Autonomie der Mutter zu stärken.
Auf dem anderen kulturellen Hintergrund seelsorglicher Arbeit in Äthiopien würde dies bedeuten, sich gegen eine ganz überwiegend akzeptierte Tradition („It´s our culture...“) zu stellen. Als Einzelperson ein aussichtsloses Vorhaben! Für die Gesamtkirche jedoch eine Herausforderung, im Geist des Evangeliums mutige Schritte in Richtung Freiheit und Verantwortung zu gehen. In einer später geführten Diskussion wurde deutlich, daß die evangelische Kirche in Äthiopien in dieser Hinsicht erst am Anfang eines langen und mühsamen Weges steht.
Am Ende des Auswertungsgespräches fragten mich die Teilnehmer, ob ich wissen wol-le, wie es weitergegangen sei mit dieser Familie. Ja, das wollte ich, und war überzeugt davon, daß dieser erzwungene Versöhnungsakt nur in der Katastrophe enden konnte. Aber weit gefehlt: Auch zwei jahre nach dem Geschehen, war die Familie friedlich vereint. Niemand war krank geworden , und alle waren froh und dankbar, diesem wunder-baren Pastor im richtigen Augenblick begegnet zu sein!

Ergebnisse
(Spielerisches ja, aber…)
In der Fallarbeit ebenso wie in den offenen Gesprächsrunden standen der pastorale Auftrag und die seelsorglich-missionarische Aufgabe ganz im Vordergrund. Die eigene Person trat dahinter zurück. Gefühle wie Angst, Zorn, Hilflosigkeit oder Trauer spielten eine ganz untergeordnete Rolle. Die Beziehungsdynamik in der Gruppe war getragen von Solidarität und gegenseitigem Verständnis, obwohl die Zusammensetzung der Gruppe keineswegs homogen war.
Das Gender-Thema zog sich wie ein roter Faden durch die Fallbeispiele. Sie waren auch in den Gruppengesprächen ein wiederkehrendes Thema. Im Laufe der Seminarzeit verstärkte sich das Bewusstsein, dass die Entwicklung von Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der äthiopischen Gesellschaft und in der Kirche maßgeblich für eine demokratische Entwicklung und für die Glaubwürdigkeit von Kirche sein wird.
Die Bemerkung: „this is our culture!“ wurde als Sackgassen-Argumentation erkannt, die vor allem dazu dient, nichts verändern zu müssen. Die persönliche Beschäftigung mit dem was jeder einzelne als seine kulturellen Wurzeln und auch Hindernisse bezeichnen würde, hat gerade erst begonnen.
Die Situation andauernder ethnischer Diskriminierung und Unterdrückung der Grund-rechte des Menschen wurde in diesem Seminar kaum angesprochen. Kirche und ins-besondere die kirchliche Seelsorge sind ganz weitgehend bezogen auf das Private und Familiäre.
Eindrücklich war für mich, daß die Grundbedürfnisse und wesentlichen Gefühle im Grunde „interkulturell“ sind. Der Umgang mit den Bedürfnissen und Gefühlen wird al-lerdings unterschiedlich vollzogen.
Empfindlich und manchmal geradezu empört habe ich dort reagiert, wo ich die Rolle des Seelsorgers in der Mekane Yesus Kirche als dominant und patriarchal-fürsorglich erlebt habe. Insbesondere, wenn ich spürte, dass eine kritische Auseinandersetzung darüber nicht ohne weiteres möglich war.
Mir wurde an vielen Stellen bewusst, dass unsere gesellschaftliche (und kirchliche) Entwicklung auch ein halbes Jahrhundert gebraucht hat, um die männlich-dominante und patriarchalen Selbstverständlichkeiten abzulösen und eine freie und gleichberech-tigte Umgehensweise zwischen Männern und Frauen als selbstverständlich zu empfinden.
Beeindruckt hat mich das tief empfundene Gemeinschaftsgefühl, wenn es darum geht, Menschen in ihrer Not wahrzunehmen und zu begleiten. Seelsorge wird als gemein-schaftliche Aufgabe angesehen (ebenso wie die Verkündigung des Evangeliums) und keineswegs auf den zuständigen Pastor abgeschoben. Hier können die europäischen Kirchen sicherlich von den afrikanischen Verhältnissen lernen.


ÖPKK

Protokoll von der Klausurtagung am 10.03.07
von 8.00 – 17.30 Uhr im Stephansstift, Hannover
Anwesend: P. K.-J. Schmidt, P. U. Banti, Pn Dr. R. Wölfert, Pn. G. Münkner, Frau Pn. U. Schäfer-Breitschuh, Sup. Th.Höflich, Frau G. Dittrich, Frau J. Fleshman, Frau M. Friedrich, Herr Dr. U. Kühl
Das Treffen beginnt mit einer Andacht und einem anschließenden gemeinsamen Frühstück
Ab 9.00 findet die Tagung im Beetsaal des Stephansstiftes statt, zunächst mit einer Samm-lung der zu besprechenden Punkte:
1.) Partnerschaftsvertrag
2.) Partnerschaftsbegegnungen, Rückblick
3.) Situation in Äthiopien, der Mekane Yesus Kirche und Kotobe
4.) Diakonische Projekte
5.) Gesellschaftliche und kirchliche Situation in Deutschland
6.) Selbstverständnis und Struktur des ÖPKK
7.) Ziele und Perspektiven
Protokoll: Pkt. 1.) und 2.) M. Friedrich
Pkt 3.) bis 7.) Dr. U. Kühl
zu 1.) Partnerschaftsvertrag vom 30. November 1997
Einzelne Punkte werden durchgesprochen. Darin behält der Vertrag bis heute seine Gültig-keit und es wird auch festgestellt, dass alle Aktivitäten der vergangenen Jahre sich in diesem Rahmen bewegt haben.
Jedoch stellt Sup. Höflich fest, dass der Vertrag noch in dem alten Kirchenkreisdenken (der kirchlichen Struktur im Jahr 1997) verankert ist. Damit sind die, durch die Umstrukturierung in Amtsbereiche, neu in den heutigen Amtsbereich Ost hinzugekommenen Gemeinden nicht in diesem Vertrag inbegriffen. Ebenso im Zuge der Umstrukturierung ging die Partnerschaft in die Verantwortung des Stadtkirchenverbands Hannover-Garbsen-Seelze über. Jedoch wird im neuen Gesamtkirchenkreis diese Verantwortung für die Partnerschaft nicht gesehen. Sup. Höflich sieht die Notwendigkeit, die Anbindung an den Kirchenkreis Hannover-Garbsen-Seelze zu verstärken. Ebenso gilt es, die neu hinzugekommenen Gemeinden im Amtsbe-reich Hannover Ost mehr in die Partnerschaft einzubeziehen.

zu 2.) Partnerschaftsbegegnungen, Rückbesinnung
Resumée: Die Schwerpunkte der Delegationsreisen lagen in Besuchen der Gemeinde, von Gottesdiensten und von Familien. Weiter wurden jeweils offizielle Gremien ( Synode ) sowie neue Gemeinden besucht.
Besonders beachtete Themen sind die Frauenarbeit, Friedensarbeit, Jugendbegegnung. P. Schmidt empfand es als schwierig, einen speziellen thematischen Austausch zu organisieren.
Zu bedenken ist, ob man dies in Zukunft noch verstärkt versuchen sollte. Herr Höflich unter-streicht die unterschiedlichen Kulturen in Äthiopien und in Deutschland und damit die ganz unterschiedliche Art, über bestimmte Themen zu sprechen.
Zukünftige Delegationen könnten sich auf bestimmte Themen vorbereiten. Die Reise unter einem bestimmten Thema stehen um dann in Äthiopien gezielt Gruppen anzusprechen.
Die Jugendbegegnungen, insbesondere gedacht ist dabei an die Trekking Tour, wurden als gelungen empfunden. Die teilnehmenden Jugendlichen stehen noch in E-Mail Kontakt.

zu 3.) Situation in Äthiopien, in der Mekane Yesus Kirche und in Kotobe
Äthiopien:
Grundprobleme:
• Etwa 80 ethnische Gruppen müssen miteinander auskommen.
• Historisch-bedingtes politisches Spannungsfeld: Unter Haile Selassi: Enge Partner-schaft zu USA – unter Mengistu Enge Partnerschaft mit UdSSR

Wahl 2005: Regierungspartei hat die Wahl 2005 nicht gewonnen, gibt die Macht aber nicht ab. Parlamentarier werden verhaftet, Studenten gehen auf die Straße, viele werden getötet (ca. 190 Opfer).
2007: In Wolega (Gimbi) und Dembi Dolo werden Schüler, Lehrer, Eltern geschlagen verhaf-tet; ein Schüler wird getötet. Ein Staatsanwalt aus Addis, der sich weigert 60 verhaftete Min-derjährige in Haft zu lassen wird von Sicherheitsdienst halbtot geschlagen und befindet sich jetzt in der Psychiatrie. Auch die äthiopische Sektion von Human Rights Watch kann wenig ausrichten. Wichtig ist, dass die internationale Presse immer wieder über die Situation in Äthiopien berichtet und so die Regierung von außen unter Druck gesetzt wird.
EECMY: Die EECMY ist auf derzeit 4,2 Mio. Mitglieder gewachsen.
Die Kirchenleitung muss sich – um die Pastoren und Gemeindemitglieder nicht zu gefährden – politisch sehr zurückhalten.
Als Partner sollten wir keine politischen Diskussionen provozieren aber genau hinsehen und unsere Position klarmachen.
Der Sprachenkonflikt ist derzeit kein Thema mehr.
Die EECMY mit ihrem „lutherischen“ Selbstverständnis wird an den Rändern durchaus von pfingstlerisch-charismatischen Kräften „angefressen“. Wenn Kotobe „pfingstlerisch“ werden würde, müsste die Partnerschaftsfrage neu diskutiert werden.
Weitere Einflussfaktoren ist die Oromo Traditional Religion Bewegung und der Islam. Einerseits wendet sich ein Teil der Oromo-Elite der Oromo Traditional Religion zu andererseits pumpen die Emirate viel Geld nach Äthiopien, finanzieren die Ausbildung von Eliten und stärken so den Islam.

zu 4.) Diakonische Projekte
Diakonische Projekte im Rahmen der Partnerschaft sollen als Akte der Solidarität und des Teilens gesehenen werden ohne dabei Abhängigkeiten herzustellen. Die Projekte unserer Partnerschaft sind:
• Brunnenprojekt: Der erste Meilenstein und damit das im Rahmen der Partnerschaft angestrebte Ziel ist erreicht: Wasser wurde gefunden, das Bohrloch ist geschützt. Der zweite Schritt, die Installation einer Pumpe und von Ausrüstung zur Verteilung des Wassers, wartet auf die Anschlussfinanzierung durch Eigenmittel bzw. Mittel durch Dritte.
• Glocke für Kotobe: Das Projekt ist erfolgreich abgeschlossen – die Glocke der Fried-hofskapelle Bemerode ist auf einem von Kotobe selbst gebauten Glockenstuhl instal-liert.
• Bildungshaus: Die Idee, auf dem Gelände in Kotobe ein Gebäude für die Erwachse
-nenfortbildung zu errichten, übersteigt die Möglichkeiten der Partnerschaft und soll im Rahmen eines Brot-für-die Welt Projektes weiter verfolgt werden. Ein entspre-chender Antrag bei Brot-für-die Welt ist gestellt.
• Druckerei: Im Stephansstift wird eine komplette Druckerei frei. Es besteht die Vision, diese nach Kotobe zu verschiffen und als zentrale Druckerei für die EECMY zu etab-lieren; Ausbildung der Fachkräfte durch den Leiter der Druckerei des Stephansstifts ist in Aussicht. Entsprechende Anfragen an die Leitung des Stephansstifts und die Kirchenleitung in Äthiopien wurden von Pastor Schmidt bereits getätigt. Das Echo ist sehr positiv.

zu 5.) Gesellschaftliche und kirchliche Situation in Deutschland
Obwohl es der Wirtschaft in Deutschland seit 1991 nicht mehr so gut ging wie heute, driften Arm und Reich weiter auseinander. Verarmungsangst ist selbst in der Mittelschicht zu spü-ren. Die Alterspyramide in Deutschland wird allgemein als ungesund empfunden.
Anderseits ist die gesellschaftliche Akzeptanz persönlicher Religiosität gestiegen (besonders evangelische Kirche in Hannover), die Relation von Aus- zu Eintritten in die Kirche hat sich zugunsten der Eintritte gewandelt (2000: 10:1; jetzt 3:1). Erwachsenentaufen nehmen zu, Kirche ist nicht mehr „out“.
Die Besuche in den Heiligabendgottesdiensten waren die höchsten seit vielen Jahren.
Das Bedürfnis nach geistlichem Beistand nimmt zu; in der MHH wurde eine Wiedereintritts-stelle eingerichtet.
Die Entscheidungsstrukturen unserer Kirche stammen häufig aus dem 19. Jahrhundert, Ent-scheidungen dauern zu lange, vieles ist überreglementiert.
In Bezug auf die Partnerschaft stellt sich die Frage: Wie und in wie weit informieren wir unse
-re Partner über unsere Probleme?

zu . 6) Selbstverständnis und Struktur des ÖPKK
Der Arbeitskreis „Ökumenisches Partnerschafts-Komitee Kotobe“ (ÖPKK) beschränkt sein Wirken bewusst auf die Inhalte des im Jahre 1997 mit der Gemeinde der EECMY in Kotobe geschlossenen Vertrags. Es ist das Ziel des Arbeitskreises, im Sinne dieses Vertrags die Partnerschaft zu beiderseitigem Nutzen fruchtbar und lebendig zu gestalten.
Das ÖPKK strebt die Vernetzung mit anderen Partnerschafts-Arbeitskreisen an. Dies ist der
-zeit auf der Ebene der Ökumenebeauftragten der Fall, würde in Zukunft gegebenenfalls über den Fachausschuss (s. u.) laufen.
Der Stadtkirchenverband wird über Sup. Höflich gebeten, einen Fachausschuss des Stadt
-kirchentags für alle Partnerschaften einzurichten. In diesem wäre dann auch die Partner-schaft mit Kotobe offiziell „aufgehängt“; der Kirchenkreis Hannover-Garbsen-Seelze tritt da
-mit auch bezüglich der Partnerschaft formal die Nachfolge des ehemaligen Kirchenkreises Hannover Ost an.
Falls dies nicht erreichbar ist, soll eine entsprechende Einzelbeauftragung des ÖPKK durch den Kirchenkreis erwirkt werden.


zu . 7) Ziele und Perspektiven
Nächster Delegationsbesuch aus Kotobe: Der nächste Delegationsbesuch aus Kotobe sollte im Mai 2008 stattfinden (Verabschiedung von P. Schmidt, Möglichkeit der Teilnahme am O-romo-Pfingsttreffen im Stephansstift).
Einbindung der Gemeinden: Das ÖPKK will verstärkt Informationen aus der Partnerschaft in die Gemeinden zurückfließen lassen, damit die Verbindung zu den Gemeinden lebendig bleibt.
10 Jahre Partnerschaft mit Kotobe: Im November 2007 hat die Partnerschaft mit Kotobe ihr 10-jähriges Jubiläum. Dieses Ereignis soll am 30. November 2007 gefeiert werden. Anläss-lich des Jubiläums sollen in den Gemeinden Fürbitten für die Partnerschaft gehalten werden.
Predigten: Es sollten Predigttexte zwischen Kotobe und „unseren Gemeinden“ ausgetauscht werden, um den geistlichen Austausch zu intensivieren.
Klausur: Diese Klausur vom 10. März 2007 wird einhellig als positiv bewertet. Deshalb sollte eine solche Veranstaltung regelmäßig einmal im Jahr stattfinden.
Für das Protokoll
Marliese Friedrich
Dr. Ulrich kühl

Pastor Sobota an der Wasserpumpe auf dem Gemeindegelände. Hier hat alles begonnen.

Gemeindeglieder warten auf den Gottesdienstbeginn

Anschneiden des Brotes / Beginn des Gemeindefestes

Besuch bei der Kirchenleitung der Central Ethiopia Synod: Kes Tesgaye Emana, General Secretary, Kes Akinda Gebremede, Director of Evangelism and Mission department mit den Delegationsmitgliedern aus Hannover

Besuch der Delegationsmitglieder im Salem Social Enterprise

Johanna und Janka

Unterwegs im Pick-up: Johanna und Wiebke

Besuch im neuen Preaching Center bei Sendafa, 20 km nördlich von Addis

Lunch mit der EEMCY Kirchenleitung, Kes Itaffa Gobena, Präsident der Gesamtkirche

ein alter Baum auf dem Weg von Debre Zeit zum Yerer Mountain; unter diesem Baum finden Versammlungen statt

"Dem Ochsen, der da drischt, sollst du nicht das Maul verbinden..."

Besuch bei der Gemeinde am Yerer



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