17. November 2010
Tagesbuch einer Russlandreise
Teilnehmer: Rolf Ebritsch, Louise Hölsken und Eckhard Klügel
Georgijewskoje: Mönche, Rehabilitanden und Gäste
Freitag, den 18.6.10
Abends steht auf dem Flughafen Scheremetjewo eine Frau mit einem Schild "Herr Klügel" und ein junger Mann greift gleich nach dem Koffer von Louise. Es ist Valentina mit ihrem Sohn, die nun in Moskau unsere ständige Begleiterin im Auftrag von Vater Mefodij sein wird. Die Reise geht mit der Metro in den Feierabendverkehr der Weltstadt Moskau.
Dann führt uns Valentina in das Gästehotel des Patriarchats. Von unseren Zimmern im vierten Stock haben wir einen herrlichen Blick auf das Danielow-Kloster und daneben auf drei Kirchen mit ihren schönen russischen Kuppeln. Sie tragen heute vielfach vergoldete Spitzen. Hier ist eine Oase der Stille, im Gegensatz zu dem dichten Straßenverkehr, der zwischen den vielen neuen Wohnhäusern und Geschäften flutet.
Sonnabend, 19.6.
Am nächsten Morgen ist früh Abfahrt nach Georgijewskoje zu unserer Mönchsgemeinschaft an der Wolga, rd. 450 km entfernt. Wir fahren schon um 7.30 los, um nicht in den Wochenendverkehr zu kommen. Uns fährt Roman Prischtschenko, ein Vertrauensmann von Vater Mefodij, dem Leiter der Skit (Einsiedelei) in Georgijewskoje. Er ist gelernter Sozialarbeiter mit einer zusätzlichen theologischen Ausbildung. Sein Geld verdient er in einem Institut in Moskau, in dem Reiche im Schnellverfahren ein kurzes Training gegen ihre Alkoholsucht absolvieren. Nebenher arbeitet er in unserem Drogenprojekt in Georgijewskoje.
Es wird eine Fahrt bei heißer Sonne. Die letzte Etappe ist eine Motorbootfahrt von etwa 5 km auf der Wolga. Die Wolga ist in dieser Region über 100 km gestaut und etwa 1 km breit. Bewaldete Hänge begleiten die Wolga, hier und da ein paar Häuser. Eigentlich wollten die Sowjets hier eine verkehrsreiche Wasserstraße schaffen, aber wir sehen kaum noch größere Schiffe.
6-7 Stunden haben wir für den Weg von Moskau gebraucht. Als wir uns Georgiewskoje nähern, leuchtet am Ufer eine weiße Kirchturmspitze über den Bäumen. Sie ist der Mittelpunkt von unserem Georgijewskoje. Als der letzte Zar hier einst auf der Wolga vorbeifuhr, war er von der schönen Kirche so angetan, dass er ihr eine Ikone schenkte. Die ist allerdings während der Sowjetzeit verschwunden.
Vater Mefodij, der Leiter der mönchischen Einsiedelei (sog. Skit), ist durch Handy über unsere Überfahrt unterrichtet. Überhaupt verfügen die Mönche über eine gute Kommunikationstechnik; wir konnten uns während der Ausbauphase jederzeit über Internet mit ihnen abstimmen. Vater Mefodij, empfängt uns in dem kleinen Hafen der Einsiedelei und zeigt uns bei einem Rundgang den Stand der Ausbauvorhaben, an denen wir zurzeit finanziell beteiligt sind. Es sind drei Baustellen: Die Baugrube für den Eiskeller für das Obst, zwei Gewächshäuser und der Bodenraum, der über dem Andachtsraum für Besprechungen ausgebaut wird; denn Georgijewskoje ist heute ein Zentrum der orthodoxen Therapiearbeit für Drogensüchtige. Nicht zu vergessen ist schließlich ein mit Blumen bepflanzter Hügel, auf dem als Zierstück eine Ruhebank steht. Das soll auch die Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass der Ausbau mit Gottes Hilfe fertig gestellt ist. Angesichts der finanziellen Lage in Russland sind Bauvorhaben meist nicht ohne Risiko.
Um die Kirche stehen einige kleine Hütten. Sie dienen neben "unserem" Neubau als Quartier für jeweils 8-9 drogenkranke junge Männer. Die werden hier seit 15 Jahren von den Mönchen durch eine einjährige Rehabilitation dahin geführt, ein neues Leben zu beginnen. Das Reha-Programm besteht aus praktischer Gartenarbeit, handwerklichen Tätigkeiten sowie aus Gesprächen über den Glauben und den Sinn des Lebens, wobei Vater Mefodij gern von bekannten guten Filmen ausgeht. Diese Methode fällt den Rehabilitanden leichter. Die praktische Mitarbeit der Drogenpatienten ist schon deshalb nötig, weil sich die Mönchsgemeinschaft sich in dieser abgelegenen Lage weitgehend selbst versorgen muss; von dem finanziellen Zwang einmal abgesehen.
Die Orthodoxen sind nach unseren Erfahrungen mit dogmatischen Aussagen zurückhaltend. Wir führen ein Gespräch mit Mefodij und Roman über den Weg, auf dem die Orthodoxen ihren Glauben stärken. Er führt von der Selbsterkenntnis über die eigenen Grenzen und Fehler zur Demut und zur Nächstenliebe. Für das orthodoxe Menschenbild ist die Gottesebenbildlichkeit des Menschen entscheidend. Selbst eine Verwirrung durch böse Mächte kann ihm letztlich nicht das Göttliche ("Gott in uns") nehmen, das jeder Mensch in sich trägt. Die Demut des Christen bedeutet an sich kein "Sich-Kleinmachen", sondern ein sich mit den Nächsten als Brüdern und Schwestern solidarisch fühlen.
Diese schlichte Demut hilft dazu, dass der Mensch sich nicht als egozentrisches Individuum behaupten muss. Auch die Heiligen sind nach orthodoxer Auffassung keine fehlerlosen Menschen, aber Gottes Wesen leuchtet sichtbar durch ihre menschliche Gestalt.
Abends treffen wir uns mit den Patienten zu einem Gespräch über deren Lage. Ihre Berufsaussichten schätzen sie positiver ein als ihre Vorgänger bei unserem Besuch vor 2 Jahren. Gedanken machen sie sich über ihre persönlichen Kontakte zu ihren Freundinnen und ihren Familien. Einige haben sich von ihren Freundinnen getrennt, nachdem sie in Georgijewskoje erkannt haben, dass ihre Partnerschaft nicht tragfähig war. Als ich frage, ob sie unter der Einsamkeit dort litten, wird dies mehrmals verneint. Die Arbeit und die Gemeinschaft untereinander ließen solche Gefühle nicht aufkommen. Nach diesem Gespräch sind wir uns nicht mehr so fremd und bekommen wir später auch leichter Kontakt zu den jungen Leuten.
Sonntag, den 20.6.
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